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UND SONST SO? (raging slamery)

3 Feb

ist noch was von interesse?

haben wir denn keine träume mehr?

ich meine, so wilde, so zarte – so leicht und schwer,

in den nächten und an den tagen

lernen zu lernen, es zu ertragen?

drehen sich die gedanken

nur noch in den schranken

von rechthaben und stürmen

von scheiße scheißen auf jeden

der anders denkt und türmen

sich ein paar ‚buhs‘ schon

zu immer neuen mauern

die wir betrauern?

und sonst so

ist was von interesse?

die nächste und oder hässliche fernsehfresse,

der nächste skandal

zwischen urheberrecht

und meinungsgeflecht?

denken wir manchmal

noch an was anderes

als nur uns durchzusetzen

und hetzen

dabei durch das leben,

das nur noch krieg ist

zwischen denen, die dumme Augsteins hofieren

und diesen, die auf jene schießen?

zwischen den börsenstieren

rund um die welt,

zwischen denen, die es haben – das geld

und jene, die ihre fäuste dagegen

an ihren herzen blutig klopfen?

zwischen diesen, die vom hohen moralischen ross

alltäglichen sexis-, rassis-, chauvinis-, materialis-,

antisemitis- und jedes anderen – mus‘

in granaten ihre macht der deutschen seele

auf jene feuern

auf der anderen seite der barrikade

und dabei beteuern

kein frieden ohne blockade?

und sonst so

ist noch was von interesses,

außer das muster der anordnung

von leckereien auf tellern,

der regen im winter,

nur noch das ‚davor‘

und nicht mehr das ‚dahinter‘,

nur noch die anzahl,

der nach oben gereckten daumen

für kryptische botschaften

wilder bilder,

für zahlen von wahlen,

für bloggermädchen

in den geistig kleinen städtchen,

die ihre fähnchen

versuchen auf wellen zu treiben,

zwischen eitel- und befindlichkeiten

und hoffen darauf zu großem geld zu reiten?

und sonst so

ist noch was von interesse?

außer

der nächste schnelle fick

im nächsten schnellen augenblick?

außer

die brechreizende, gute laune

der radioschwätzer am morgen?

außer

die feuchten furze der feuilletonfaune

aus dem after eingebildeter sorgen?

außer

die achselhaarnässe der realitystars

in dekorationen aus dschungel und szenebars?

und sonst so?

STADT FESTUNG ZITADELLE (short slam slamery)

28 Nov

Ich bin eine Zitadelle,

schwarz gerußt

von Kanonen,

verkrümmt

von ihrem nahen Lärmen

und der Stille

des Himmels über mir.

Ich bin eine Festung,

abgeschnitten

vom Licht,

es dringt

nicht in die Gassen

und nicht

in die geduckten Häuser.

Ich bin eine Stadt,

bin belagert

vom Leben,

es schießt

auf meine Mauern,

aber es kann

mich nicht einnehmen.

BILD der BILDER (crazy world slamery)

2 Nov

Die ganze Welt ist

verrückt,

ausserhalb des Rahmens,

ohne Erbarmen,

und manche von uns

sind darüber entzückt,

wie verrückt

die Welt ist.

 

Alles ist nicht mehr am Platz,

da, wo es hingehört,

es ist verrückt,

wo es wohl nicht mehr stört

und so für die Katz.

 

Männer werden hingerichtet,

anderen Kriege angedichtet,

Aleppo liegt in Scherben,

Märtyrersöhne ins Verderben

geboren,

als Kind schon geschworen

Rach zu nehmen für was?

 

Banker werden immer kränker,

die Sucht nach Giersucht

sucht

weiter die Welt zu verrücken,

näher an den Abgrund

und

wird sie zu Fall bringen –

keine Messen mehr zu singen.

 

Politiker sprechen ihre Sklavensprachen,

öffnen weit den Rachen,

für’s Lügen,

für’s Betrügen,

für’s Sterben,

für’s Erben…

die Claque,

fuck,

jubelt dazu

an den Privatstränden,

auf den Privatstraßen,

auf den Privathügeln,

an den Privatseen,

unter den Privathimmeln,

in ihren Privatwelten,

auf ihren Privatbrücken

sie sind rot, braun, schwarz,

grün, gelb und voller Entzücken.

 

Die Bilder der Bilder

verwehen zu Worten

an Orten,

werden ertauben

zu frablosen Stauben –

nichts mehr erkannt:

Kein Mensch. Niemand.

EINHORN (torture slamery)

27 Sep

Ihm ist überall in ihm nicht wohl

und nirgendwo wohler

als in ihm.

Wäre ihm besser,

es ginge,

die Schläge zu zählen,

seine Herzen zu quälen,

durch Wände zu gehen,

aufzustehen,

um das Vermissen

zu wissen,

zeitig genug in der Zeit,

Orte in Utopia zu suchen,

Flüge zum Mond zu buchen,

die Wetter ändern –

Leben an den Rändern

des Lebens,

nicht vergebens

zu hoffen,

zu wanken

in Gedanken,

alles offen

und an den Morgen

und bei dem Übervater ‚Übermorgen‘

den Morgen über in den Sorgen

sich zu sorgen,

sich nach den Nachrichten

hin zu richten.

Ist ihm zu wohl in ihm

und überall

nur nicht hier –

der Verfall

verfällt

und es gefällt

ihm, das Quecksilber zu bluten.

Die Augen tränen Staub,

die Ohren – ein Raub von taub,

verletzt

jetzt,

kein Verräter

später,

ein weicher Schimmer

immer.

Матери Марии, избави нас от Путина! Mutter Maria, erlöse uns von Putin (FREE PUSSY RIOT slamery)

18 Aug

Despoten brauchen immer mal ein Fest

mit Trompeten, Schall der Macht,

auch Rauch

und die Ikone wacht

und steht,

die Fahne weht

wie ein magisches Tuch,

(daneben Bibel

neben Gesetzbuch)

gegen den Wind,

das himmlische Kind,

in allen Farben

von Schwarz bis Gold,

von Weiß zu Rot und Blau,

keuchend, schwitzend, spuckend,

(Gesichter in Grau)

senken sich die Lanzen gegen Sold,

im Saal der Roben

ist oben immer noch oben,

die Richterin pfeift

und vor den Mauern stürmen

die Gladiatoren in blauen Uniformen –

(man trägt Masken aus Ordnung und Gesetz)

peitschen krachend aufgereiht

in die Reihen,

die Schwanengesänge türmen

sich in haufenweise

staatstragenden Kehlen:

Freiheit stehlen,

Zar Wladimir,

erlöse uns!

So würdig folgst deinem Vorfahrn,

deinem Herrn

im Geiste

so gern,

so her und hin,

du kleiner Stalin.

Und jetzt kann alle Welt es sehn:

wie dreckig muss es IHM doch gehn,

dass ER ab und zu eben

Jekaterinas,

Marias,

Nadeschdas

in die Bäuche treten muss,

um zu überleben.

BÖSE (evil slamery)

13 Aug

wir haben das BÖSE gesehen

in allen kostümen kam es

in lumpen & roben

in anzügen & bikinis

in badehosen & mänteln

 

das BÖSE trägt talare & uniformen

mit handschuhen aus leder & wolle

in stiefeln hausschuhen sandalen

 

das BÖSE schminkt sich

wie ein clown

wie ein vamp

es kommt in masken

tränenreich & zur ewigkeit

erstarrtes lachen in blässe

seine frisuren sind bizarr

streng gescheitelt

geflochtene zöpfe

glatzen

dauerwellen

helme von haarspray

seine augenbrauen sind gezupft

buschig striche blassblond

schwarz die wimpern oder rot

federn der dunkelheit

trägt es im haar

bei tag & nacht & tag für nacht

nacht für tag & woch für woche &

monat bei monat & jahr für jahr &

leben für leben

 

das BÖSE …

der körper

glatt weich geschmeidig

die nägel

lackiert abgefressen schartig

gefeilt geschnitten

das geschlecht

rasiert unrasiert traurig froh

der schweiß

ein duft aus moder moos blumen

jahreszeiten & sterben

geburt & gleichgültigkeit

wir haben das BÖSE gesehen

wie es tanzt

schreitet

kriecht

musizierend trinkend & gierig

wie es glotzt aus den augen

der henker & der befehlshaber

in den liedern der bomben & raketen

 

wir haben das BÖSE erkannt

in den worten

der generäle

der kanzlerInnen

der präsidentenInnen

der bankerInnen

von schwarzen

weißen

religionen (päpsten mullahs rabbis priestern gurus)

&

in sendern

verlagen

redaktionen

geschäftsführerInnen von aktiengesellschaften

gmbh(s) & co.kg(s)

in kommentaren

statements richtlinien gesetzen verfassungen

essays gedichten verlautbarungen &

am ende von briefen &

faxen

in den faxen der clowns der welt

politik

 

wir haben das BÖSE erkannt

in den händen

der wal- elefanten- menschenschlächter

der braunen flut

der grünen fahnenträgern

in wüsten

gulags

wäldern

 

das BÖSE wohnt

in häusern wohnungen palästen hütten

in bars in küchen in fluren des gestern

wir drohen am BÖSEn zu ertrinken

in seinen meeren seen flüßen pfützen

aus traurigkeit & wehmut

es schmeckt

nach bitterkeit & süße

seine explosionen

von lachen haben uns zerfetzt

wir haben das BÖSE gesehen

seine schönheit

hat uns hässlich gemacht

sein gewand

hat uns umhüllt

sein hut

unsere augen bedeckt

sein flüstern

hat uns verstummen lassen

 

bis jetzt ist

das BÖSE

das tier der unvernunft &

es schärft seine krallen an unseren herzen

an der innenseite unserer köpfe

zerbeißt seelen

es trägt namen

neid hass

rechthaberei

hinterfragerei

besserwisserei

einsamkeit

lieblosigkeit

herzlosigkeit

 

das BÖSE ist

ZWEITVERSCHWENDUNG (newstart slamery)

1 Aug

das erste war

wie alles wahr war

nicht verdorben

nicht verloren

geborgen

geborgt

versorgt

unausgegoren

 

das erste ist

vorbei

verdroschen vermahlen

in qualen

zu jahreszahlen

auf einem strahl markiert

verschmiert

geteert

nicht verweht

es steht geschrieben

und ist hiergeblieben

 

das erste wird nicht verblassen

noch verblasen

nicht ertrinken

noch versinken

nicht mehr überborden

noch nicht gestorben

am leben gehalten

(den schmerz zu verwalten)

verstrickt zu alten

narben in wetterleuchtenfarben

 

nun also kommt deine zeit

zu zweit

zu weit

und ohne endung:

das wunder

der zweitverschwendung

 

 

STILLE (holyday slamery)

31 Jul

Krakelende Hunde

machen im Tal die Runde

durch die Nacht der Sterne,

die Monde flammen ruhelos

in kleiner Ferne,

das Liegen ohne Hemden, blos,

versteht man gerne

als Tage ohne Ziel.

 

Es braucht nicht viel,

die Wolken zu berühren,

das ‚Umzu‘ darf verführen,

das Licht versteht die Fragen,

die Augen nicht,

das Heben und Senken,

das Öffnen und Schließen,

das Schreien und Denken,

das Ruhen und Fließen

verleiht dem Alles die Flügel

und das Sehnen geht nicht

mehr am Zügel.

 

Über die Hügel

weht der leichte Wind

herrüber vom Meer,

wie ein artiges Kind,

schießen die Freuden quer,

daneben,

eben,

um Leben zu leben,

fällt der Durst dich an

und dann

und wann

vergeht ganz leise

das Flirren

auf der Reise,

verzieht sich in die Falten der Berge.

 

Und zwischen Oliven und Rosen,

Terrassen und Eichen,

Kindern ohne Hosen,

Spielen und Weichen,

Worten zu Sätzen,

Schlingen zu Drähten,

wird jedes Setzen

ein Atmen ohne Last,

ohne Hast

und Rast

und in den Karst

verliert sich das Lächeln

von Gestern zum Lachen

von Morgen.

UND und OHNE (describing slamery)

15 Jul

das UNDglück ist,

was du bist

UND glücklich mehr:

es ist die insel UND das meer,

der regen UND die sonne (so sehr),

das dunkel UND die helle,

die mündung,

die quelle,

es ist der mund,

die augen,

die haut

UND die gedanken, laut,

du bist der grund,

wenig UND dabei viel,

beginn, weg UND ziel,

feuer UND rauch,

realität UND träume auch,

atem UND schmerz,

gehoben gesenktes,

inwendig auswärts,

bekommen verschenktes,

verloren gefunden,

rotblaugrünes schwarzweiß,

ewigkeiten von millisekunden,

heißkaltes heiß,

honigsalz UND sommerwinter,

stopp UND lauf,

es ist das UND der kinder,

das UND des hinunter rauf,

OHNE  vergessen erinnern,

fallend fangen,

in universumkleinen zimmern,

wiederkommen gegangen.

es ist der große quotient

der erwartung UND des lebens,

„der schaum der tage“*,

meiner kleinen weltenlage,

hungerndes satt,

wissend staunen,

ein fliegendes matt,

schreiendes raunen,

wie die eile UND die weile,

es ist alles UND davon die gegenteile,

UND endlich ist nicht mehr zu sagen,

als dass nichts mehr zu sagen UND zu fragen

ist:

du bist

das UNDglück

OHNE dieses UNDzurück.

* „Der Schaum der Tage“ ist der Titel eines Romans von Boris Vian (1920-1959)

JETZT & MUSS & ALLES (questional slamery)

6 Jul

Wann ist endlich JETZT

und wie lange dauert es?

Noch immer ist es so, wie es ist:

Mein JETZT ist nicht hier,

wo das ist, was das ALLES ist,

wo jedes JA verzweifelt

nach Frieden schreit,

wo jeder Kuss

die Liebe vertreibt,

wo jedes MUSS

das Elend beschreibt,

wo die Gebärden

und die Nachrichten

nie besser werden,

doch nur noch tiefrotrot

von soviel Tod,

wo kapitale Metropolen

die Eiszeit zurückholen

und Ferkel in Nadelstreifen

erst zu Schweinen

und dann zu Wölfen reifen,

im Treibhaus verschlagen

Schicksal spielen

und es wagen

mit ihren Aktien

auf uns zu zielen,

sie feuern aus allen Rohren

auf uns und auf die,

die noch nicht geboren.

Ist das JETZT

schon vor seiner Ankunft

zerlechzt,

zerfetzt,

zersetzt

und vom Geld seiner Vernunft

beraubt,

verbaut,

beklaut,

hat der Neid seine Schönheit

bedeckt,

verdreckt,

in Brand gesteckt,

damit es endlich verreckt

und nach Möglichkeit

für immer überall ist –

nur nicht hier

bei mir,

bei dir,

beim WIR,

die wir das JETZT so schwer

vermissen, so sehr?

Warum machen wir nicht jetzt

unser eigenes JETZT?