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KOPFSTIMME BERLIN

16 Aug

Deine Gesang ist raureif

und dein Dialekt aus Schlamm,

deine Zähne sind faul,

die Seele ist schief,

deine Haare zerzaust,

du bist mein Picknick um Mitternacht.

 

Deine Klamotten sind ungewaschen

und stinken immer noch nach Trabbibenzin,

deine Hände: zu groß und rissig,

deine Küsse: zu derb

und viel zu nass,

du bist mein Traum ohne Schlaf.

 

Dein Trost ist ganz umsonst

und dein Zuspruch ist nichts wert,

dein Herz: aus Currywurst,

das Blut: aus Molle und Korn,

deine Augen: freudentränenblind,

du bist ein altkluges Kind.

 

Und deine Liebe ist wie Koks,

ich häng‘ dran wie am Seil,

dein Erbarmen: geheuchelt,

dein Lachen: verloren, du bist

mein Antwort ohne eine Frage.

MORGEN SONETT

6 Aug

Mit einem Knall zerschlägt der Morgen mächtig

mein Fenster, an meinen Lidern zieht das Licht,

die Haare stehen mir zu Berge, prächtig:

aufstehen, aufstehen oder nicht?

 

Mein Spiegelbild streckt mir lang die Zunge raus,

die Dusche kämpft gegen meine Gesänge,

von denen dröhnt jetzt das große morsche Haus

in ganzer Breite und in ganzer Länge.

 

Splitterfasernackte  und sturzverliebte

Gedanken schlagen heiter Purzelbäume,

übermütig pfeift der Kessel, zerstiebte

Tropfen tanzen durch kaffeeduftende Räume.

 

Das Frühstück ins fertig, Autos hupen nett,

am besten, ich geh danach wieder ins Bett.

HERZ WUNSCH

1 Aug

Manchmal wünscht man sich so sehr,

dass das Herz auch kotzen kann,

wie es die Augen machen,

heulen sie sich leer –

so dann und wann.

 

Wenn das Herz bricht, ist es still,

wie in einem Massengrab,

nicht mal der Wind kann pfeifen.

An Sehnsucht überfressen, will

es nicht mehr geben, was es gab.

 

Bis zum nächsten der Gelage

ist es nüchtern und bedacht.

Es schlägt mit großer Vorsicht,

doch am Ende der Tage

wird es wieder besoffen gemacht.

ÜBERLAUT STILL

27 Jul

Überlaut still und Dunkelgrün

beginnt am Sonntagmorgen

Berlin zu glühen

die Sorgen

haben Urlaub genommen

und das Lachen

räkelt sich zwischen den Laken der Träume der Nacht

ist noch nicht ganz aufgewacht

und hat Lust auf zwei Kaffees

vergräbt sich noch mal ins Kissen

und verschlummert das Wissen

von Luvs und Lees

 

Ich bleibe mit ihm liegen

ich gehe fliegen

heute

Blinzeln vor Schwere

und Freude

verrate mir deinen Atem

verrate mir deinen Schmerz –

himmelwärts

flüstere mir die Stille zu

flüstere mir Sehnsucht zu –

du ….

 

ALLE TAGE

24 Jul

Aufgestanden,

geduscht,

Zähne geputzt,

Kaffee (sehr stark) getrunken,

den Briefkasten geleert,

zur Post gegangen,

Steuern bezahlt,

der Sonne beim Scheinen zugesehen

und dabei an Dich gedacht.

 

Der Frau im Supermarkt geholfen, die an die Nudeln nicht rankam,

die Wäsche gewaschen,

meinen Schreibtisch aufgeräumt – ein bisschen,

Job erledigt,

mit Leuten um Geld verhandelt,

einen Hund gestreichelt,

das Gewitter genossen

und dabei an Dich gedacht.

 

Das Bad geputzt,

den Abwasch gemacht,

die Treppe gefegt,

den Müll rausgebracht,

mir vom Wind der Haare zerzausen lassen

und dabei an Dich gedacht.

 

Dem Alten von oben meine Zeitung geschenkt,

1000 Mails beantwortet (nein, ich kann erst nächste Woche liefern),

auf dem Weg zur Bahn

mit drei kleinen Jungs ’ne Minute Fussball gespielt,

mein Skateboard gewienert,

dann damit auf die Fresse geflogen

und dabei an Dich gedacht.

 

Zuviel geraucht,

zuviel Zeit verbraucht (mit Nichtigkeiten),

den Abend begrüßt mit einem Lied zur Gitarre,

den Wein verkleckert,

mir neuen geholt

und dabei an Dich gedacht

 

Dieser Tag ist vorbei     –

und ich denke immer noch an Dich

Fart back (raging slamery)

22 Jul

Faulige Farben auf schimmligen Flecken verteilt,
verurteilt zum Gestank
und zum Dank
gibt es Besitz statt Liebe.

Wir gehören immer noch dem Sumpf,
werden gehalten so stumpf,
niemals scharf
und jeder darf
über und überspielen,
drüberschießen von Zielen
wenn es nur den Apperaten nützt.

Lasst uns mal schön weiter lügen mit den Lügen
weitermachen
in solchen schön hässlichen Existenzsachen,
wie es niemandem gefällt
(Welt regiert durch Geld),
und doch schreien alle (auf):
HURRA,
es leben Erich und die Angela.

Wir krümmen uns unter falben und gegenseitigen Schamesblicken,
der Bademeister spricht:
Hauptsache was zu ficken,
und wir haben immer noch nicht
das Kommando auf den Kommandobrücken,
schleppen uns an morschen Krücken
durch das Maschinendeck,
belächelt vom Banker
geht das Schiff
vor Anker
am Riff
… und die Stimmen der offiziellen Sprecher klingen nicht mal verkehrt,
wenn sie uns erzählen, dass man immer noch fährt!

Ich will nicht mehr auf den Tag warten,
an dem die Kette von selber reißt,
„blühender Garten Mensch“ vom Politiker, vom Hai der Finanzen, vom Magnaten des Öls und den Herren der Diamanten
zugescheißt,
zuviele Stricke um Hälse noch nicht gerissen,
ich schwöre, ab heute wird zurückgeschissen!

1987/2013

Was mal gefragt werden muss, lieber G.G.! (der Grass, der Günter)

7 Apr

Wo bleibt Dein Aufschrei jetzt, G.G.?

Liegt er vielleicht nur verborgen unterm letzten Schnee?

Kämpft er vielleicht nur noch mit dem Frost

aus dem ach so fernen Fernost?

 

Wo bleibt Deine ‚Lyrik‘ jetzt, G.G.?

Ist sie erschallt und schon zertreten von Kim Jongs kleinem Zeh?

Bist Du zum öffentlich-lyrischen Schämen schon zu taub,

die allerletzte Tinte im Tintenfass schon Staub?

 

Wo bleiben Deine Worte jetzt, G.G.?

Müsstest Du nicht heulen über den nuklearen Klee,

in einem haltlos ungereimten Gedichte?

Oder liest Du am Ende gar keine Zeitungsberichte?

 

Wann fängst Du wieder an zu geDichten, G.G.?

Wann schenkst Du uns wieder einen lyrischen Dreh,

um zu sagen, was gesagt werden muss,

jedes Wort ein Hammerschlag, ein treffsichrer Schuss?

Wann hören wir wieder was von Dir, G.G?

 

Ist Deine letzte Tinte wirklich schon verbraucht, G.G.?

wenn man in Syrien mordet und versteh‘

ich Dein Schweigen darüber richtig:

Dir ist das alles gar nicht so wichtig,

nobelpreistragender Antisemit G.G.!

 

Wir wollen Deine Ruhe nicht stören zwischen Luv und Lee, G.G.

Wahrscheinlich folgt bald Dein Beweis, dass sich die Erde verbiegt

und Nordkorea eigentlich in Israel liegt,

Syrien von Juden unterwandert ist

und Du somit der letzte Mohikaner bist.

UND SONST SO? (raging slamery)

3 Feb

ist noch was von interesse?

haben wir denn keine träume mehr?

ich meine, so wilde, so zarte – so leicht und schwer,

in den nächten und an den tagen

lernen zu lernen, es zu ertragen?

drehen sich die gedanken

nur noch in den schranken

von rechthaben und stürmen

von scheiße scheißen auf jeden

der anders denkt und türmen

sich ein paar ‚buhs‘ schon

zu immer neuen mauern

die wir betrauern?

und sonst so

ist was von interesse?

die nächste und oder hässliche fernsehfresse,

der nächste skandal

zwischen urheberrecht

und meinungsgeflecht?

denken wir manchmal

noch an was anderes

als nur uns durchzusetzen

und hetzen

dabei durch das leben,

das nur noch krieg ist

zwischen denen, die dumme Augsteins hofieren

und diesen, die auf jene schießen?

zwischen den börsenstieren

rund um die welt,

zwischen denen, die es haben – das geld

und jene, die ihre fäuste dagegen

an ihren herzen blutig klopfen?

zwischen diesen, die vom hohen moralischen ross

alltäglichen sexis-, rassis-, chauvinis-, materialis-,

antisemitis- und jedes anderen – mus‘

in granaten ihre macht der deutschen seele

auf jene feuern

auf der anderen seite der barrikade

und dabei beteuern

kein frieden ohne blockade?

und sonst so

ist noch was von interesses,

außer das muster der anordnung

von leckereien auf tellern,

der regen im winter,

nur noch das ‚davor‘

und nicht mehr das ‚dahinter‘,

nur noch die anzahl,

der nach oben gereckten daumen

für kryptische botschaften

wilder bilder,

für zahlen von wahlen,

für bloggermädchen

in den geistig kleinen städtchen,

die ihre fähnchen

versuchen auf wellen zu treiben,

zwischen eitel- und befindlichkeiten

und hoffen darauf zu großem geld zu reiten?

und sonst so

ist noch was von interesse?

außer

der nächste schnelle fick

im nächsten schnellen augenblick?

außer

die brechreizende, gute laune

der radioschwätzer am morgen?

außer

die feuchten furze der feuilletonfaune

aus dem after eingebildeter sorgen?

außer

die achselhaarnässe der realitystars

in dekorationen aus dschungel und szenebars?

und sonst so?

STADT FESTUNG ZITADELLE (short slam slamery)

28 Nov

Ich bin eine Zitadelle,

schwarz gerußt

von Kanonen,

verkrümmt

von ihrem nahen Lärmen

und der Stille

des Himmels über mir.

Ich bin eine Festung,

abgeschnitten

vom Licht,

es dringt

nicht in die Gassen

und nicht

in die geduckten Häuser.

Ich bin eine Stadt,

bin belagert

vom Leben,

es schießt

auf meine Mauern,

aber es kann

mich nicht einnehmen.

ÜBER MORGEN (desperate slamery)

5 Nov

Jede Nacht verbrennt der Tag

zur Hoffnung über Morgen –

grandios zu starten,

grandios zu warten,

zu fallen,

zu lallen

und

rund heraus

grandios zu scheitern.

Weitergehen,

weiter sehen

als bis gestern,

in den Nestern

der Übergestern

hocken zahllos

schon die Übermorgen,

dicht an dicht,

nicht neben nicht

als hungrige Mäuler,

überzweifelt

die Rachen aufgerissen.

Überschrien

liegen die

Lachen in Lachen

zusammen,

der Fuß der Zukunft

stampft

mit Unvernunft,

der Mund des Überübermorgen

mampft

die Zeit so weg.

Sieht denn niemand

jemand

irgendwas

als nur das schwarze Loch

und immer noch

verweht,

vergeht

das Übermorgen

und

keiner will verstehen:

das Heute.