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DIE EINSAMKEIT

18 Nov

Ich habe die Einsamkeit gesehen.
In allen Kostümen kam sie:
In Lumpen und Roben,
In Anzügen und Bikinis,
In Badehosen und Pelzmänteln.
Die Einsamkeit trug Talare und Uniformen,
Mit Handschuhen aus Leder und Wolle,
In Stiefeln, Hausschuhen, Sandalen.

Die Einsamkeit schminkt sich.
Wie ein Clown.
Wie ein Vamp.
Ich habe ihre Masken gesehen.
Tränenreich und zur Ewigkeit
Erstarrtes Lächeln in Blässe.
Ihre Frisuren: bizarr.
Streng gescheitelt.
Geflochtene Zöpfe.
Glatzen.
Dauerwellen.
Helme von Haarspray.
Ihre Augenbrauen sind gezupft,
Buschig, Striche, blass, blond,
Schwarz die Wimpern oder rot.
Sie streicheln meine Haut.
Federn der Dunkelheit
Trägt die Einsamkeit im Haar.
Bei Tag und Nacht, Tag für Nacht, Nacht für Tag.

Ich habe die Einsamkeit gesehen.
Ihr Körper:
Glatt, weich, geschmeidig, gebräunt, käsig.
Ihre Nägel:
Lackiert, abgefressen, schartig, gefeilt, geschnitten.
Ihr Geschlecht:
Rasiert, haarig, traurig, stinkend, rosig.
Ihr Schweiß:
Duft aus Moder, Moos, Blumenwiesen.

Ihre Zeit sind die Jahreszeiten und das Sterben,
Geburt wie Gleichgültigkeit.

Ich habe die Einsamkeit gesehen.
Tanzend, schreitend, kriechend, rennend,
Musizierend, gierig trinkend, gierig lachend, gierig weinend.

Ich habe die Einsamkeit erkannt.
Sie konnte sich nicht verstecken in dem stillen Wehen
Über einer ausgelassenen Gesellschaft,
Nicht in Häusern, Wohnungen, Palästen, Hütten,
Nicht in Bars, in Küchen und Fluren des Gestern.

Ich habe die Einsamkeit getrunken.
Wie aus einem Kelch voller Meere.
Aus Traurigkeit und Wehmut.
Sie geschmeckt bis zur Neige.
Ihre Bitterkeit und Süße.
Ihre Explosionen.

Sie kam als Kugel aus den Gewehrläufen der Abschiede.

Sie kam als Freundin, Geliebte, Mutter.

Ich habe die Einsamkeit gesehen.
Ihre Schönheit:
Hat mich hässlich gemacht.
Ihre Umarmung:
Hat mich erfroren.
Ihr Hut bedeckt meine Augen.
Ihr Flüstern bei einem Walzer:
Hat mich verstummt.

Ich bin die Einsamkeit.

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KOPFSTIMME BERLIN

16 Aug

Deine Gesang ist raureif

und dein Dialekt aus Schlamm,

deine Zähne sind faul,

die Seele ist schief,

deine Haare zerzaust,

du bist mein Picknick um Mitternacht.

 

Deine Klamotten sind ungewaschen

und stinken immer noch nach Trabbibenzin,

deine Hände: zu groß und rissig,

deine Küsse: zu derb

und viel zu nass,

du bist mein Traum ohne Schlaf.

 

Dein Trost ist ganz umsonst

und dein Zuspruch ist nichts wert,

dein Herz: aus Currywurst,

das Blut: aus Molle und Korn,

deine Augen: freudentränenblind,

du bist ein altkluges Kind.

 

Und deine Liebe ist wie Koks,

ich häng‘ dran wie am Seil,

dein Erbarmen: geheuchelt,

dein Lachen: verloren, du bist

mein Antwort ohne eine Frage.

ALLE TAGE

24 Jul

Aufgestanden,

geduscht,

Zähne geputzt,

Kaffee (sehr stark) getrunken,

den Briefkasten geleert,

zur Post gegangen,

Steuern bezahlt,

der Sonne beim Scheinen zugesehen

und dabei an Dich gedacht.

 

Der Frau im Supermarkt geholfen, die an die Nudeln nicht rankam,

die Wäsche gewaschen,

meinen Schreibtisch aufgeräumt – ein bisschen,

Job erledigt,

mit Leuten um Geld verhandelt,

einen Hund gestreichelt,

das Gewitter genossen

und dabei an Dich gedacht.

 

Das Bad geputzt,

den Abwasch gemacht,

die Treppe gefegt,

den Müll rausgebracht,

mir vom Wind der Haare zerzausen lassen

und dabei an Dich gedacht.

 

Dem Alten von oben meine Zeitung geschenkt,

1000 Mails beantwortet (nein, ich kann erst nächste Woche liefern),

auf dem Weg zur Bahn

mit drei kleinen Jungs ’ne Minute Fussball gespielt,

mein Skateboard gewienert,

dann damit auf die Fresse geflogen

und dabei an Dich gedacht.

 

Zuviel geraucht,

zuviel Zeit verbraucht (mit Nichtigkeiten),

den Abend begrüßt mit einem Lied zur Gitarre,

den Wein verkleckert,

mir neuen geholt

und dabei an Dich gedacht

 

Dieser Tag ist vorbei     –

und ich denke immer noch an Dich