Archiv | Mai, 2014

SIE

30 Mai

Manchmal träume ich von ihr, höre,

im Auto fahrend,

Verkehrsmeldungen von Staus

in ihrer Straße und störe

mich beim Aufschrecken daran,

dass sie nicht neben mir ist –

am Morgen, Mittag oder Abend.

 

Das Licht in meinem Schlafzimmer 
sieht weg,

wie die Vergangenheit wegsieht,

wie eine Gazelle, die flieht,

wie ein welkes Blatt vom Baum fällt

oder ein Knopf am Mantel,

der nicht mehr hält.

 

Ganze und halbe Trapeze aus Plusgraden schießen

subkutan durch die Kathedralen aus Erinnerung

und Ordnung und Hausfluren.

Züge und rasende Noten

rollen durch die Ohren.

Ein kleines Schnarchen

versteckt sich unter Katzengezeter.

 

Ganz nahe Küste

und ebenso Wüste

schnüren und lösen

im nächtlichen Dösen

synchrone Senkel

verschiedener Aschen.

 

Der Weg besteht aus Glitzersplittern

von Gedanken – alle paar Wochen

schneiden sie mir die Sohlen auf, pochen

auf das Recht, gefunden zu werden
.

 

Ihr Duft von gewaschener Wäsche

und frischgedrucktem Buch

auf einem Ladenbord

lässt mich niesen – la petit morte.

DIE STILLE IN BERLIN

21 Mai

Es gibt keine Stille

Wie die in Berlin

Sie ist schrill manchmal neblig

Und verächtlich

Nimmt sie Platz in deinem Kopf

Und wabert dort her und hin

Über ganz Berlin

 

Es gibt keine Stille

Wie die in Berlin

Über die Hinterhöfe fegt sie

In winzigklein riesiggroßen Leben

In das Strahleblau des Himmels weht sie

Ist Galle und schmeckt nach Moder 

Und trifft dich k.o. auf das Kinn

In ganz Berlin

 

Es gibt keine Stille

Wie die in Berlin

Das Gurgeln der U-Bahn versinkt

Wie in Watte

Sie stinkt wie aus Schimmel und Ruß

Kommt und geht ohne Gruß

Ist aus Eisen, Staub, Beton und Zinn

In den Straßen von Berlin

 

Es gibt keine Stille

Wie die in Berlin

Millionenstimmige

Auflösung auf schmierigem Pflaster

(Rollkoffer durch die Nächte)

Wird Schmerz und sie tönt

Schreit und stöhnt

(Harfensaite der Vertreibung

 Fingriges Stottern von Reibung)

Was ich auch immer bin

In Berlin

 

Es gibt wirklich keine Stille

Wie die in Berlin

Der Müll weht stolz

In jede Ritze aus Rotze

Es schreiten die Zeiten

Verdampfen im Asphalt von Tempelhof

Die Rattenmeister singen und tanzen Tod

Von Schwarz über Gold zu Rot

In lebenslangen Sommern und Wintern

Im Eis und Pollenschnee der Pappeln

Im Klacken der Ampelmännchen

Im Regen aus Schwefel und Staub

Und das alles so laut ganz taub

Unter den S-Bahnbögen hin

Es gibt keine Stille

Wie die in Berlin.

 

TRÄUMESCHÖN

10 Mai

Unter deinen Häuten lebt der Mond

in deinen Augen wohnt

der rote Schmerz

himmelwärts

 

Zwischen deinen Haaren hängt ein Stern

in deinem Mund ein Kern

von einem Wort

immerfort

 

Aus deinem Atem dröhnt ein Laut

in deinem Bluten baut

die weiße Qual

aschefahl

 

In deinen Jahren wächst der Wind

in deinem Leben sind

die Träumeschön

nie mehr zu sehn