Archiv | April, 2014

GEGENAUSCHWITZ (Paul Celans TODESFUGE 2014)

28 Apr

du schreibst, der tod sei ein meister aus deutschland,

der uns die schwarze milch trinken lässt

zu jeder tageszeit, während er seine margarete fand

und feiert mit ihren goldenen haaren ein fest.

 

du schreibst, der mann schreibt, mit schlangen spielt er

und schickt die briefe nach deutschland.

du schreibst, dass wir die gräber schaufeln, kreuz & quer

durch die luft, aber doch nur in auschwitz‘ sand.

 

du schreibst, der mann befiehlt, zum tanz aufzuspielen

dazu und sulamiths haar zerfällt zu asche so grau.

ihr verbranntes fleisch gilt es in den bäuchen zu fühlen,

und zu sehen die strahlenden augen des mannes so blau.

 

es sei nicht mehr möglich zu schreiben, das gedicht

ist verbrannt für immer nach diesem brand,

auf der ganzen welt sei kein mögliches gericht,

sagt man, das gerechtigkeit findet mit diesem land.

 

und auch wenn die bestie noch zuckt, ihr haupt

mit der kalten fratze der feuer immer noch hebt,

auch wenn es mancher überall leugnet und nicht glaubt,

wir haben die aschenen haare sulamiths überlebt.

 

die tränen sind nicht getrocknet, aber wir schreiben

wieder gedichte und trinken die milch wieder weiß.

wir sind hier, gingen nicht verloren, stehen im kreis,

wir wissen, auch wenn wir es nicht wussten: wir bleiben!

ZWISCHENZEITLICH

28 Apr

Sich daran zu gewöhnen, fällt so schwer:

Das Warten auf den nächsten Hieb.

Jede Minute scheint so sehr,

als ob sie ewig bei mir blieb.

 

Über weniger als Nichts hängen die Gedanken.

Vor den Fenstern lauert das Vergnügen.

Schauer jagen über meine Flanken.

Bisweilen tut es gut, sich zu belügen.

 

Tag und Nacht verschwimmen zu Grau.

Im Garten stehen Brennnesseln.

Die Häute baden sich im Tau

der blutig roten Fesseln.

 

Die Tür fällt leise in das Schloss.

Das Leben bleibt davor.

Der Atem liegt schon blos

und verweht jetzt über nacktes Moor.

 

AUSWEITUNG DER BRANDZONE

22 Apr

Jeden Morgen – den Worten befehlen

Das rosigste Feuer zu legen

Und mit den ertaubten Wegen

Um das Leben zu schreien

 

Jeden Tag – den Augen befehlen

Die tiefroten Bilder zu malen

Und die blindesten Sonnen

Für immer niederzubrennen

 

Jeden Abend – der Kehle befehlen

Den schmierigen Teufel zu loben

Und ihn mit den größten Humpen

In Schnaps zu ersäufen

 

Jede Nacht – der Seele befehlen

Das schönste Kleid überzustreifen

Und mit den weiten Himmeln

Um die Wette zu atmen.

WEG FAHREN

14 Apr

(zur Skulptur LOST von Nadja Engelbrecht)

 

Das letzte Schiff verlässt den Hafen –

unbemerkt und für immer,

während alle andern noch schlafen

im bleichen Morgenschimmer.

 

Der Bug schiebt lautlos sich hinaus,

ein Todeshauch hat die Segel gebläht.

Du verlässt den Hof und das Haus,

weil niemand mehr keinen versteht.

 

Die Masten schrammen am Himmelsblau,

die Möwen schreien nicht mehr.

Ganz leise nur summt ein Chor in Grau,

das Knarren der Spanten ist leer.

 

Unter Deck liegst du im letzten Träumen

auf einer Ladung aus Erinnerung.

Es gibt nichts mehr zu versäumen,

die Worte – nicht mehr auf dem Sprung.

 

Du hast kein Weinen mehr, kein Lachen,

das Wünschen und Trauern ist verbraucht.

Du kannst und willst nichts mehr machen,

der Zorn und das Mitleid sind verraucht.

 

 

Was du zurücklässt, wiegt nicht viel,

nur noch das Kind – vielleicht.

Fast bist du am Ziel,

du hast es erreicht.

 

An einem Ufer von schwarzem Sand

liegst du, die Augen verschlossen,

Blut vergossen,

das Herz in der Hand.

 

Bild