Archive | Dezember, 2012

ICH HASSE ABSCHIEDE (qasi im stil von Ingeborg Bachmann)

30 Dez

ich hasse diese abschiede,

die endgültigkeit die darin so gemütlich wohnt

wie ein biest.

ich hasse diese schwärze

ohne diese schimmer,

die glimmen sollten.

(und wenn es auch nur lügen wären für den moment.)

 

geh die straße runter bis zu dem laden,

in dem es den kaffee des nächsten morgens gab

und er ist geschlossen,

vernagelt,

verrammelt,

wie die tankstellen, die kein benzin mehr haben,

wie die lichter keinen strom –

die leitungen sind gekappt.

(sprechen wir gar nicht erst von der sonne oder dem mond)

keine gerüche mehr von „zu hause“

(oder dahin kommen können),

keine umarmungen von freunden, weil sie zu hassen beginnen,

was sie eben noch liebten.

 

die laken der vertrautheiten sind opfer des schredders,

zerstieben in nicht mal mehr mühsamen überlegungen

(gib dir nicht die mühe das rückwärts zu buchstabieren).

befahr das graue band,

zerflieg die winterlichen himmel,

beschwimm die reißenden flüsse

und flieh den ort des „goodbey“.

(beim picknick auf dem mond könntest du ihn nicht mal ahnen).

 

sie sagen, es werden andere türen sich öffnen

(sie sprechen nicht von denen, die sich schließen),

sie sagen, man muss sie nur sehen und hindurch gehen

(sie gestehen nicht, dass wir blind und lahm waren),

sie sagen, neue horizonte gilt es zu entdecken

(sie sprechen niemals von den alten, die wir noch gar nicht erreichten).

 

und, ja, ich hasse abschiede auch,

wenn sie willkommen sind, weil die wut,

die trauer,

die enttäuschung

aufhören sollen,

trotzdem hasse ich abschiede

(es ist einfaches sterben, nichts weiter).

AHASVER

30 Dez

1.

Die Fragen sind verbraucht wie die Tage,

nur Antworten wandern noch hin und her.

Diese Spuren verwehen: ich trage

jede Last der Erde nur allzu schwer.

 

Sie drückt die Füße in den weissen Staub,

der Nacken krumm geht unter diesem Joch,

die Stürme der Wut machen mich halb taub,

Flehen und Beten hält die Sinne hoch.

 

2.

Aus Jerusalem sollte ich kommen,

verflucht bis an das Ende jeder Zeit.

Ich aber bin aus Überall, habt es vernommen:

geboren im Zorn und zum Hass bereit.

 

In allem und jedem sahen sie mich,

nach Erlösung sollte ich Flehen.

Sie glaubten, der da bäte, bin ich,

der Jude, der Schuld hat zu gehen.

 

3.

Ich wurde geschmäht, geplündert und

geprügelt, gescholten, verjagt,

wie einen verdreckten und lahmen Hund

ließen sie mich sterben, wie vorausgesagt.

 

Doch es brachte ihnen keinen Frieden,

mir nicht mehr, denn das Sterben ist zu leicht,

bei ‚Asche zu Asche‘ ist es geblieben,

mehr haben sie niemals wieder erreicht.

 

4.

Und so geh ich noch immer auf dieser Welt,

in jedem von euch bin ich stark und schön und wach.

Kämpft nicht mit mir, Brüder, kein Schlachtfeld,

Schwestern, legt mich unter euer Dach.

 

Solange mein Atem geht von einem Ende

zum nächsten, solange der Blick

sich nicht trübt, solange meine Hände

sich falten, kehre ich zu euch zurück.

ERINNERUNG AN EIN FERNES LAND

29 Dez

der schlaf ist dünn wie das laken, das ihn deckt.

das haar fliegt durch die nacht herüber wie gischt.

die augen leuchten wie von sonnen geweckt,

die worte von rasendem atem verwischt

;

und weiter wirren durch die gleißende nacht

die stürme einer kleinen unendlichkeit –

aufgetürmt in lauter stille so gemacht,

ohne zügel dem engel flügel verleiht

;

ohne stolz galoppieren die hände leicht,

mit wehendem rausch durch diesen einen raum.

die welle bäumt sich so hoch ganz unerreicht,

das träumen ist sehnen und sehnen ist traum.

KLEINER HEIMWEG

27 Dez

 

Aus Schneegestöber ist die Nacht,
so feucht der tote Klee
und aus vertrockneten Disteln gemacht,
dass ich immer schwerer geh.

In meinem krummen, müden Rücken
übt ein Alptraum seinen Schritt,
sein Atmen ist Entzücken,
wenn er mir an den Haaren zieht.

Kann weder aus noch weichen,
schlage Haken und auch Ösen.
Flehen soll den Himmel erreichen,
die Sterne, die guten und die bösen.

Wo die Wiese wird zum Wald,
das Dunkel zeltet, aufgebahrt,
erschüttert sein Tritt mein ‚Bald‘
legt mich in Gräber und verwahrt

die allzu schiefen, hohen Töne.
Mein Blut verliert die roten Farben,
die Träume zeugen 1000 Söhne,
und die Häute gezeichnet von Narben.

Das Dämmern wird zu meinem Licht,
in dem die Wünsche tanzen.
Augen, so wach und müde funkeln nicht,
sind Särge für ihre Lanzen.

Die Kniee geben nach so leicht,
die Tür zum Haus ist schon so nah.
Ich hab‘ sie nicht mehr erreicht
und doch bin ich hier, ich bin da.

(nach Toccata & Fuge in d-moll von J.S.Bach)

WINTERABEND

25 Dez

 

Durch den Schnee raschelt die Erinnerung
an einer hohen Sommersonne Licht.
Fahle Winde bitten um Vergebung,
in den leichten Nebeln wandelt das Gesicht

des Winters hier, falbe Blässe tragend.
Frühes Dunkel schwankt durch die Gedanken,
kaltes Pflaster, noch vor Wochen dampfend,
lässt die kleinen Seelen frierend schwanken.

Messen wir der Lebenszeit Verschwendung
am großen Gewicht von Augenblicken,
das wir nicht erkannten in Verblendung,
hören still nun laut die Uhren ticken.

Leichte sinkt allmählich in die Schwere
Lust verweht zu einem sanften Glück,
hüllt uns ein und flüstert heimlich: kehre
friedlich träumend zu dir selbst zurück.

WEIHNACHTLICHES SONETT

25 Dez

Aus den großen Himmeln fallen kleine Sterne

einer dunklen Welt auf unsre Wasser zu

und ganz vertraut in einer nahen Ferne,

rauschen lose Zeiten durch die Zeiten und du:

 

in die warmen Häuser vermisst du es zu gehn,

träumst hier in der Kühle dieser einen Nacht.

Nicht verloren, nur vergessen bleibst du stehn,

allzu schwer und allzu leicht um den Schlaf gebracht.

 

Trägst Sternenstaub des Gestern auf und in dem Haar,

ein Schmuck von einem ganz besonderen Ort.

Greises Leben, lautes Klagen, und ein paar

 

Verlorenheiten tragen dich nicht von hier fort,

zitterst leise nach und spürst: ich bin, ich war,

ich werde sein und immer noch in jedem Wort.

GEDULD (prayin‘ slamery)

23 Dez

sei ihr gast und lass dich nieder.
sie umfängt dich mit den armen,
spricht, flüstert, haucht immer wieder –
sie ist das große erbarmen.

lass sie zu dir kommen in stille,
sie gibt nur ohne zu nehmen.
ist es immer doch dein wille,
in stürmen sich an sie zu lehnen.

sie befreit dich von den lasten
und auch von ihrer schwester „un-„,
ihr sanfter atem lässt dich rasten
und endlich endlich weißt du nun:

in den laken schläfst du mit ihr ein,
von ewigkeit zu ewigkeit,
scheint es, wirst du so hoffend sein,
ganz ohne Zorn und ohne Neid.

 

LÖWE IM WINTER (sad animal slamery)

22 Dez

 

Über die Steppe rauscht die Kühle des nahen Eises.
Grün und Blau verdämmert allmählich zu Grau: weises
Kind der Träume. Wer fliehen konnte, floh, wohin immer
alles geht, nicht weit genug für jeden Hoffnungsschimmer.

Die Erinnrung überlebt der Wochen Tage: sanfte Jagd
nach Blut und Fleisch und Knochen machte die Zeiten hoch. Fragt
die Geier, die weiter kreisen, an wessen Tisch sie saßen,
wer die Flügel bewegte und wessen Brot sie aßen.

Und Schnee der Melancholie fällt unverhofft ganz träge
auf die Lider, das Fell braun, als ob es Gelb nicht gäbe.
Die Sonne des Sommers – nicht mehr als ein bleicher Schatten,
müde Pranke, die Sinne stumpf. Im Lager der satten

‚Vergeblichkeit‘ heult der Nordwind mit dem einen Gestern,
verweht das Wittern der schweißigen Beute. Die Schwestern
‚Feuer‘ und ‚Durst‘ quetschen sich in die mageren Flanken –
Zittern der Gier, Sehnsucht nach Lust: nur noch in Gedanken.

WOLKE IN DER NACHT (thankfull slamery)

20 Dez

Der Tag ist verstummt im letzten Seufzen der Türen,
der Wind der Schatten hat sich in die Schatten gelegt,
weg und verweht und in den Häusern sind zu spüren
die Kerzen, sendend ihr Licht. Und über dem allen regt

sich das Wolkenbauschen. Die Gedanken verstehen,
die Zeit gehen lassen wie den Tag, nichts weiter hier
verlangen, als nur einmal das wieder zu sehen,
kein Ich, kein Du, nichts von allem weiter, nur ein Wir.

In deinen Haaren will ich schlafen, du in meinen,
den Hauch deines Wanderns, wohin auch, mit mir nehmen,
mit deinen Stillen mich decken, sonst weiter keinen
Traum haben zwischen Jetzt und Später als den einen:

morgen wirst du geflohen sein zu deinen Schwestern
und mich nicht mitgenommen haben, nur einen Hauch
wird’s mir noch bleiben. Keine Flehen mehr nach gestern,
denn so wie du, die Wolke, sehe ich mich schon auch.

SCHATTEN (sonett shaping slamery )

20 Dez

In den stillen Abendstunden werfen die Schatten
lange Schatten hin zur Nacht,
zeigen, wie glücklich wir waren und was wir hatten,
was wir so leicht umgebracht.

Fallen auf die goldenen Zeiten am Lebensfluß,
färben alles grau, dann schwarz,
die Hoffnung will so lange nicht weichen, aber muss
gerinnen wie Träume zu Harz.

Alles begann einmal mit dem sehr kleinsten ‚Vielleicht‘,
in einem Wort aus Seide und Samt
und endet in Schweigen, das den Himmel nicht erreicht,
in Feuern einfach verbrannt.

In den Sekunden, bevor wir die Augen schließen,
bevor der Atem uns verlässt,
erinnern wir uns mit letzter Kraft an diesen

Moment, der uns verletzt.
Verstehen können wir es längst nicht mehr,
es ist vorbei, vorbei, vorbei so sehr.