Archiv | Juni, 2012

TURNIER (celebration slamery)

28 Jun

Mob & Kaiser,

Könige & Potentaten

brauchen ab und zu ein Fest,

jubelnde Trompeten

und gesenkte Lanzen

lassen die Völkerseelen tanzen,

wie nur sonst beim Beten,

die Tore fallen in den Städten,

die Preise steigen für den Tand,

das Ungeliebte wird geliebt

als hätten

sie morgen nichts mehr zu fürchten,

als Fahnen überm Land,

Michel, gib her dein Geld,

sieh‘ staunend, mächtig steht

der Nadelstreifen in der Welt

und dann geh,

wie immer eben,

nach Hause zum Sterben,

um zu überleben,

Frauen kämpfen allein,

von guten Geistern verlassen

für immer und ewig zu sein,

es gibt wieder was zu hassen,

Gott sei Dank, es ist wie immer:

gegen einen geht’s für alle,

wir sitzen in der Falle

und jubeln uns ins Morgen

mit ohne Sorgen borgen

wir uns die Zukunft aus,

aber keiner hat vor,

sie zurückzugeben

bis zum Sterben

nur noch überleben.

WIR (little unloved slamery)

17 Jun

ein sehr kleines ‚wir‘

fiel vom himmel

und die gesichter waren

die spiegel

unter dem siegel

der verschwigenheit

für die sehnsucht

des anderen, so weit

so gut, so schön.

 

das schweigen war die stimme,

die nicht bricht,

die dazwischen spricht

und die berührung 
ist

das wünschen, ohne zu überlegen

im Regen zu stehen,

nicht zu gehen,

sondern zu liegen,

zu fliegen

und immer noch nicht

ist da niemand, der spricht.

 

das laken war dünn

wie die lust,

sie zerreisst,

wenn man

nur kräftig zubeisst,

im augenblick war das brennen

der wimpernschlag der trommeln,

in der nacht war das atmen
 ein stück

von einem sehr kleinen glück,

die häute liebten sich sanft zurück,

die hände, die seelen, der blick.

 

und dann ist die stadt plötzlich da,

ganz nah,

die bahn fährt durch das zimmer,

das ‚wir‘ zerstiebt,

so ist es immer,

was sich liebte,

ist nicht mehr verliebt,

in den haaren kein schimmer

und das schweigen

sagt nichts mehr,

geht nicht mehr hin und her

nach all den jahren

nach den tagen ohne fragen:

wie geht es dir?

EIGENTLICH (actuelly slamery)

15 Jun

eigentlich geht es uns gut
und eigentlich haben wir spaß.
wir wissen, ebbe wird zu flut
und liebe manchmal hass

und

eigentlich leben wir noch
und eigentlich wollen wir den tag.
momente reihen sich zu zeit, doch
nicht gott, der teufel macht den vertrag

und

eigentlich ist alles ganz still
und eigentlich ist es ganz leicht.
wir glauben daran, keiner will
die rechnung zahlen, denn es reicht

eigentlich nicht für alle,
eigentlich nicht mal für uns zwei,
wir stecken in der eigentlichfalle,
und keiner von uns ist mehr dabei

und

eigentlich ist es nicht egal,
wer verliert und wer gewinnt –
nichts geht mehr, nichts und alles normal,
kein wind heult wie immer als trauriges kind.

und

eigentlich sind wir schon weg
und wir haben doch nie genug,
fragen fragen bei nacht, leg
deinem atem auf mich, im zug

der träume schreien wir
und eigentlich ging es uns gut
dir und eigentlich auch mir
bis zu diesem morgen ohne mut

und

jetzt sind wir eigentlich einsam
und so schön gestrandet
und eigentlich ging und kam
was liebe heißt, ganz zahm.

und eigentlich geht es uns damit gut
und eigentlich haben wir spaß.
wir hoffen, ebbe wird zu flut,
aber wir werden nicht nass.

und

eigentlich waren wir nur manchmal wir,
aber eigentlich niemals so ganz.
eigentlich bist du bei mir
und eigentlich stirbt der tanz

im schein der monde, eigentlich
sind wir schon verweht, eigentlich
vermissen wir dich und mich
eigentlich geht es, eigentlich…

ES (happy slamery)

14 Jun

Es ist immer, was es ist

und immer wieder bist

du überwältigt, stumm

und fast schon dumm,

ES wirft dich hin und her,

von rechts nach links,

von schräg nach quer,

runter, rauf,

vorwärts und zurück

und Stück für Stück

zerfällst du in Schönheit,

mal langsam, mal schnell,

aber immer hell, gleißend, grell,

 

denn ES ist immer, was ES ist,

und immer wieder bist

du ganz und gar nicht wahr,

ES ist, ES bleibt, ES war

schon immer, was ES ist

und immer wieder holt ES dich

ein und hält dich fest

umklammert, du musst dich nur ergeben,

die Schüsse fangen, erleben,

wie ES dich rüttelt

und schüttelt

und quält,

wie ES Geschichten erzählt,

trüb ist und klar,

ES ist und bleibt wahr

und war

doch nur

l’amour,

denn jedes „gegen-Ende“

hat ein Gegenende,

den Heimgang

vom Anfang,

vom Schützenfest

den Rest,

vom Traum

noch einen Saum,

noch einen Flügelschlag

vom Kolibri:

dein ganz privates „killing me softly“,

 

du bist verwittert,

weil deine Witterungen

nicht mehr funktionieren,

bist verwitwet schief

und depressiv,

deine Augen kotzen Tränen

im Sekundentakt,

die Stimme stimmt

sich nicht mehr nackt,

das Leben nimmt

sich eben das Sehnen,

deine Seele selig

röchelt kleine Brocken Trauer,

Regen-, Schnee- und Hagelschauer,

alles ist Qual,

doch nur bis zum nächsten Mal,

 

und schon willst du einfach so

wieder mal drauflosleben,

dich verleben und vergeben

(auch dir und vor allem dich selbst),

das ES verputzt dich wieder mal schnell,

wieder mal so hell und grell

mit allen deinen Häuten –

ach ja, es geht den Menschen

wie den Leuten.

WANN (short loveslamery)

11 Jun

(insp. Wohltemperiertes Klavier Fuge c-moll v. J.S.Bach)

 

WANN
hast du zum letzten Mal
etwas zum ersten Mal getan?
WANN
hast du zuletzt
die Sonne steigen sehen?
WANN
konntest du zum letzten Mal
lächelnd im Regen stehen?

WANN
hast du begonnen aufzuhören?

WANN
wolltest du zuletzt
dich selbst?

WANN
wolltest du zuletzt dich erkennnen
und dich bei deinem Namen nennen?

WANN
hast du begonnen damit aufzuhören?

WANN
hast du es das letzte Mal gesagt
als sei es das erste Mal – ungefragt?

WANN
gabst du dir das letzte Mal
dein eig’nes Leben zu leben?

WANN
hast du begonnen damit aufzuhören?

Und
WANN
fing zum letzten Mal
die Liebe an?

MANIFEST (political slamery)

11 Jun

Ihr Schreiberdichter und

Wortaggrobaten,

ihr Maler,

Bildhauerskulpturisten,

Schauspieler,

Kinemato- und Fotographen,

Televisonäre,

Musiker,

Tänzer,

Künstler,

Menschen,

die Ihr Euch jeden Tag müht,

die Ihr Euch krummlegt,

die Ihr einen einsamen Kampf

kämpft jede Stunde und Minute,

auch, wenn Ihr schlaft

noch schafft,

unermüdlich menschlich.

Jetzt:

gegen die Macht des Enterns

die grauen Träger aller Bedenken,

gegen die Leerfeger,

die Umsonstpiraten,

die uns verraten,

die Gremien und Anstalten,

die uns verwalten

in Ausschüssen und Vereinen,

uns Leben für Leben verneinen,

die Bedingungen diktieren

und uns so schön allmählich erfrieren,

uns an ihre Tröpfe legen,

und immer weiter und wieder gegen

uns agieren, agitieren,

wir sollen an sie alles verlieren.

Endlich unendlich

das Kanu selbst zu steuern,

unsere eigenen Kessel befeuern,

die herrenlosen Paddel schwingen,

die Segel setzen,

lasst die Kanonen sprechen,

die Planken der Anstalten zerbrechen,

die Anstalten machen,

Sirenenlieder zu singen.

Schreibt nicht mehr,

nur für einen eurer Tage,

malt und spielt nicht mehr,

dreht nicht mehr in den ewig gleichen Kreisen

für die schon toten Gedankengreise,

produziert nichts mehr,

was sie dann verschenken,

damit sie verdienen,

was sie verdienen,

beginnt damit aufzuhören

zu denken.

Für Euch, uns alle ist es an der Zeit

seid vorgestern und seid bereit

geht, als wäret Ihr geblieben

für einen neuen großen Frieden.

Bloggermädchen (cynical slamery)

8 Jun

Zwei Meter kleine und eins fünfzig große Mädchen schreiben

Selbsterfahrungsberichte (und wie),

plündern ihre so schmale Biographie

um so großklein und kleingroß zu bleiben,

sie sind um die dreißig – minus plus,

es will ja nicht, es muss,

sie essen kein Fleisch,

trinken dafür auch kein Bier,

rauchen auch Gras mit Spaß

(so lassen sich die Schwermüte treiben

und manchmal auch so ein lustiger Hass),

sie blicken freudvoll dunkel in die Welt

und verdienen damit haufenweise schnelles Geld,

hätscheln ihre kleingroßen Depressionen,

die mit ihnen in den teuren Wohnungen wohnen,

wollen Kinder kriegen und kriegen

stattdessen Preise (nebst Hunden)

in die großkleinen Wunden,

sie wollen und können nicht genesen,

denn das wär’s ja dann gewesen

mit Geld und Preisen, Wohnung – und Hund

und wollen aus demselben Grund

nicht irgendwas oder irgendwen lieben,

lassen sich fotografieren in herrlich trauernden Posen

(in Röcken manchmal, manchmal Mänteln, manchmal Hosen,

mal blond, mal brünett, mal mit Locken, auch mal glatt,

da weiß es ja, was es ja hat),

sie streunen todmüde hellwach bei Nacht

streunenden, todmüde hellwachen Träumen nach

sogar bis ins Bett

und das nächste Ziel ist ganz groß

(Boss zu sein wär‘ mal ganz nett),

da kotzt die ewige Kindfrau

in Talkshows im TV,

im Radio,

in ihren Büchern und Blogs das ab,

was sie für eine Meinung hält,

im Falle eines Falles,

legt sie sich in jedes Grab

und scheißt einfach auf alles,

jede Menstruationsbeschwerde wird auf youtube gepostet,

jede Therapiestunde von exklusiven Agenturen gehostet,

jeder Furz, gefurzt im Schlaf der Besserwisserei,

jeder Rülpser, gerülpst mal so nebenbei,

wird noch irgendwo eingestellt

und bedeutet für sie und die Claque die großkleine Welt,

sie füttert ihr Ego beliebig an allem und jedem :

an Nachtwächtern, Freunden und Fremden,

selbst an ihren kunstvoll durchlöcherten Unterhemden,

sowie großen Männerunterhosen,

noch mit jeder Gasuhr

ist sie lässig, cool und stur,

nur –

von wo nach wo sie alle fliegen

in die Abgründe wie Lemminge,

einer nach dem anderen

dem anderen nach, ach:

ihr schönen, kleingroßgroßkleinen Mädchen

bleibt so, wie ihr seid,

haut weiter auf die Kacke ganz laut,

werdet so bloß niemals so ganz leise,

ihr seit schon, was ihr schon seit:

krummgestammelte, kindliche Greise.

cmd + alt + c

8 Jun

Die Städte und Wälder sind leer-

gefegt im Wechselbad der Gefühle,

die Vorzeichen sind jetzt leicht

und gar nicht mehr so schwer,

in den Köpfen und Füßen herrscht Kühle

und niemand der jemand erreicht.

Die Sterne fackeln als Fackeln unter den Betten,

in den Vanillavorstädten

(wenn man will, kann man drauf wetten)

und trotzdem ist es dunkel dabei.

Der Lack blätterte doch nur am Rand,

war in nullkommanichts schon ab,

und Howard Carpendale singt von „Spuren im Sand.“

Die Tage sollten sich dem Ende neigen

und die Räder sich anders drehen,

in schwindligen Reigen

sich putzmunter zeigen.

Gemeinsames Hassen lässt viel besser verstehen,

als sich selbst beim Lieben zuzusehen.

cmd + alt + c fügt lustige Fußnoten ein

in das virtuelle Nebenleben,

verlangt man nach dem Danach so zu sein:

mehr Schall minus Rauch,

mehr Stock minus Hut,

mehr Nur als Auch,

mehr Schlecht weniger Gut

und alles zusammen – eben.